Kunterbunt

‚Bitte nicht stören‘

Manchmal, so scheint es mir, aber mit vollkommener Hartnäckigkeit sollte man immer wieder auf Dinge, Institutionen und somit und insbesondere auf Menschen hinweisen, die (zumindest in meinem bescheidenen Blickfeld) tagtäglich dafür besorgt sind, das totale Selbstbestimmungsrecht eines jeden Menschen nicht nur mit vollstem Respekt anerkennen, sondern sich auch darum bemühen, all jenen Selbstbestimmungen zu helfen – nicht nur mit Rat, sondern auch mit der Tat. Mein größter Respekt und meine größte Anerkennung gilt all diesen (Mit-) Helfern. Denn, wie einst Hermann Hesse treffend formulierte:

„Was den freiwilligen Tod betrifft: Ich sehe in ihm weder eine Sünde noch eine Feigheit. Aber ich halte den Gedanken, dass dieser Ausweg uns offen steht, für eine gute Hilfe im Bestehen des Lebens und all seiner Bedrängnisse.“

So widme ich diese (Kurz-) Geschichte allen, die dafür einstehen und erkannt haben, was es heißt, Mensch zu sein.


 

(Tagebucheintrag vom 29.05. ….)

Es ist ein kleines Zimmer, in dem ich mich befinde. So jedenfalls schien es mir auf den ersten Blick, während ich eintrat und hinter mir die Tür in die Angeln drückte – und mit dem, bereits im dafür vorgesehenen Türschloss vorhandenen, kleinen aber feinen Schlüssel (erinnert mich irgendwie an den Schlüssel, der für mein Kinderzimmer – Lichtjahre ist es her – vorgesehen war) zusperrte. Mindestens fünfmal habe ich mich heute vergewissert, ob ich sie auch wirklich verschlossen ist, die Türe. Schließlich mag man keine ungebetenen Gäste, und schon gar nicht, wenn sie dich dabei erwischen, die Büchse der Pandora in Händen zu halten – und du sie sogar auch noch öffnest. Ein ‚Bitte nicht stören‘ Schild gibt es hier nicht, ansonsten hätte ich es, nur um ganz sicher zu gehen, auch noch außen an der Tür angebracht. Jetzt, während ich das so schreibe, zaubert mir dieses typische Hotelzimmer-Schild beinahe ein Lächeln ins Gesicht.

Die Einrichtung des Zimmers ist schlicht gehalten und doch verfügt es über die notwendigen Dinge und Gegenstände, die man sich als vorübergehender Gast erwartet und selbst am Ende nicht missen möchte: Ein Tisch mit drei Stühlen (warum eigentlich drei?), ein bestimmt bequemes Sofa (jedenfalls macht es so den Anschein), ein französisches Bett, sogar ein TV-Flachbildschirm schmückt die Wand gleich gegenüber dem weißen Sofa. Apropos ‚Weiß‘. Es ist nicht nur das schmucke Sofa, das es in dieser Farbe zu entdecken  gibt. Der ganze Raum besteht nur aus einer einzigen Farbe – Weiß. Die Wände, die Fliesen, die Eingangstür, das Bett, Tisch und Stühle. Einfach alles. Aber das wollte ich so, als es um die Zimmerreservierung gegangen ist. Ja, dieses Haus beherbergt viele Zimmer, in unterschiedlichen Farbpaletten gehalten. Ich habe mich für diese Variante entschieden. Ebenso bestand ich darauf, nicht nur über ein Fenster zu verfügen, sondern auch noch über den so wichtigen Ausblick und das Panorama, das ich mir vorgestellt habe, eigentlich Zeit meines Lebens. Darf es sonst noch etwas sein? Vielleicht Frühstück, Mittag- und Abendessen? Nein danke, (Voll-) Pension ist nicht erwünscht. Ich werde nicht lange bleiben.

Was mir erst später auch noch auffiel, nachdem ich mich im angrenzenden Bad frisch gemacht hatte; der Kleiderschrank fehlte. Aber wie gesagt und eigentlich vollkommen plausibel; für längere Aufenthalte sind diese Zimmer nicht konzipiert worden. Und noch etwas viel mir auf. Es gibt an den Wänden oder irgendwo anders keine Bilder, Gemälde, Fotos oder dergleichen an Deko, das einem förmlich in anderen Gästezimmern nicht nur ins Auge sticht, sondern verdammt nochmal auch wehtut.

(16.30)

Wie gesagt, das Schmuckstück – ich beharrte darauf – bildet das Fenster zur Südseite hin. Es ist wahrhaftig kein kleines Fenster, in der Breite und Höhe lang gezogen – und jetzt kommt’s, mit einem traumhaften schönen Ausblick auf eine Kulisse, die ich nur allzu gut kenne und in welcher ich aufgewachsen bin und stets darauf bedacht war, immer wieder dorthin zurückzukehren. Eine saftig grüne und gesunde Wiese präsentiert sich vor dem Haus, anmutig gewachsene Bäume aus Urzeiten, die nicht von Menschenhand gepflanzt wurden. Gleich ein Stück weiter ist das Seeufer klar und deutlich erkennbar. Dafür sorgen nicht zuletzt die Sonnenstrahlen an diesem Tag, die das Wasser an der Oberfläche förmlich mit Milliarden von Kristallen bestückt. Und über all diesem wahrhaftigen und überwältigenden Schauspiel von Mutter Natur ragen sie empor und wachen über uns; die kantigen und hohen Berge, ihre Spitzen stets mit Schnee und ewigem Eis bedeckt.

Ich weiß wirklich nicht mehr, wie lange ich an diesem Fenster gestanden habe, gefesselt von diesem Anblick und offenbar hypnotisiert von meinen eigenen Gedanken, die mir vor dem geistigen Auge mein Leben noch eimal präsentiert haben. In allen Facetten, einmal serviert auf einem Silbertablett, dazwischen nur ein Sack voll Knochen, der mir in die Hände gedrückt wurde.

(20.00)

Vor ungefähr 10 Minuten befand ich mich noch unter der Dusche. Ich habe mich gewaschen und sauber gemacht. Vielleicht war es mehr als nur der Schmutz und Dreck an meinem Körper, der durch das Wasser in den Abguss gespült wurde – ich hoffe es. Sehr.

Nun sitze ich da, fein säuberlich wieder angezogen. Habe ich denn noch einen Termin draußen in der Welt, an dem ich unbedingt erscheinen sollte? Der Termin steht. Aber nicht mehr außerhalb dieser Kammer.
Ich sitze am Fußende des Bettes und starre auf den kleinen Tisch in der Mitte des Raumes. Darauf stapeln sich 25 Bücher im A4-Format. Fünf Türme – und jeder Turm mit fünf Bänden bestückt. Allesamt sehen sie gleich aus, zumindest das Hardcover – Schwarz sind sie alle gehalten; was für ein Kontrast zu allem anderen hier im Zimmer. Der wahrlich letzte Band und somit die 26. Ausgabe liegt offen vor mir auf meinen Schenkeln. Vielleicht wird diese Geschichte eines Tages weiter geschrieben, denn Platz hätte dieser eine Band noch. Für wahr. Ich schreibe eifrig darin weiter, im hier und jetzt. Ein Wort nach dem anderen, wie es sich eben gehört. Und während ich dies hier schreibe, kreisen meine Gedanken nur noch um die letzte und wichtigste Frage, ähnlich wie Aasgeier kreisend im Himmel über ihre Beute fliegen; habe ich denn alles gesagt, was ich noch sagen wollte? Habe ich alles festgehalten, was ich aufschreiben sollte? Sind da – vielleicht – nicht noch Lücken, die es zu schließen gibt? Das eine oder andere gestrichen, umformuliert, sogar absatzweise neu geschrieben?

(23.45)

Noch einmal habe ich das Fenster geöffnet. Ein kristallklarer Himmel hat sich mir präsentiert. Und auch der Mond hat sich in seiner halben Pracht nochmals gezeigt. Dafür bin ich dankbar.
Nun wird es Zeit, das Schreiben zu beenden – was vor vielen Jahren und in meiner Jugend begann. Welcher Satz schreibt man ganz am Ende einer Story, einer Geschichte, dem (eigenen) Märchen: ‚Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute?‘
Knapp fünf Jahre lang habe ich, beinahe jeden Tag, daran gedacht, genagt, mit mir selbst Ringkämpfe geführt. Eigentlich banal. Aber doch eben nicht. Nun, machen wir es kurz und bündig, denn die Zeit schreitet voran, und wir sind darin gefangen:

„Es ist nicht der Tod, den du fürchten solltest – sondern das Leben.“
Lange Tage – und noch angenehmere Nächte. See. You. Again.


 

(dies sind wahre Begebenheiten und somit eine wahre Geschichte. Was sich in den Minuten danach abgespielt haben soll, in jenem kleinen Zimmer, darüber kann nur spekuliert werden. Doch, so sagt man und wurde so auch weiter erzählt, gab es in diesen Augenblicken einen stillen Beobachter und Zuhörer – die nachfolgenden Zeilen stammen aus seiner Felder)

Nachdem er das letzte Wort zu Papier gebracht  und die letzten Zeilen nochmals sorgfältig durchgelesen hat, klappt er das Tagebuch zu. Er steht auf und legt Band Nr. 26 zu allen anderen auf dem Tisch – aber nicht auf einen der fünf Stapel, sondern etwas abseits. Er geht danach zur Tür und kramt in seiner Jackentasche, die rechts des Eingangs am Haken hängt. Er zieht einen Briefumschlag hervor, ganz – und ebenso – in der Farbe Schwarz gehalten und legt den Umschlag fein säuberlich auf den letzten Band; Nr. 26.

Bevor er sich auf das Bett niederlässt, betrachtet er das kleine Kästchen, das – von ihm ausgesehen – auf der rechten Seite am Betrand befestigt ist. Ganz fest verankert. So dass man damit wohl keine Schandtat treiben kann. Zwei Knöpfe präsentieren sich auf diesem Kästchen, ähnlich einer überdimensionalen Fernbedienung. Aber fest verbunden mit einem Kabel und der Spur folgend, das in der Rückwand wie durch Zauberhand verschwindet. Der eine Knopf, im Quadrat gehalten, präsentiert sich in der Farbe Rot. Rot für die Liebe? Der andere Knopf in der Farbe Grün gehalten und rund – ist das die Hoffnung?

Sein Blick wandert von diesem Kästchen hin zum kleinen Nachttisch, gleich daneben gelegen. Auf der kleinen runden Platte steht ein Glas Wasser. Links davon ein kleine Schachtel – ebenso in Weiß gehalten, ohne irgendwelche Beschriftungen oder Bilder.
Nun legt er sich auf das Bett. Mit der linken Hand ergreift er die weiße Schachtel und öffnet sie. Dessen Inhalt schüttet er in seine rechte Handfläche und ballt sie sogleich zur Faust. Mit der nun wieder freien Hand greift er nach der ‚Fernbedienung‘ und drückt auf den grünen Knopf. Danach lässt er sie fallen und findet kopfüber an der Wand den Hauptschalter, mit dem er auch noch dem letzten Licht im Raum auf einen Schlag den Garaus eintreiben kann. Nun ist es stockfinster im Raum. Dunkelheit. Schwärze. Kein (Mond-) Licht strömt mehr in den Raum – dafür hat er gesorgt, in dem er nicht vergass, die Vorhänge am Fenster fest zuzuziehen.

Nun liegt er da. Auf dem Bett. In der rechten Hand und Faust immer noch fest umschlossen der Inhalt der kleinen Schachtel. Drei an der Zahl; und sie fühlen sich wie diese kleinen Schokoladen-Pillen an. Aufmerksam lauscht er der Dunkelheit, spitzt seine Ohren. Will es hören. Und da ist es, das Glockengeläut der naheliegenden Turmuhr. Er wartet sie alle ab, die zwölf dumpfen Glockenschläge aus der Ferne. Danach führt er seine rechte Hand zum Mund, lässt die Smarties in seinen Mund gleiten – und schluckt.

Und während er so auf dem Bett liegt, in Dunkelheit gehüllt verschränkt er seine Arme hinter dem Kopf. Und seine letzten Gedanken gelten dem Rätsel, wie um alles in der Welt diese Zimmertür wieder geöffnet werden kann, da sie doch fest verschlossen und der Schlüssel steckt. Da fällt ihm ein, dass die Gastgeber ihm das erklärt haben, doch kann er sich an die Details nicht mehr erinnern. Scheiß drauf…

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